... vor Weihnachten ...

Kurzgeschichte


... vor Weihnachten ...

...ein Tag vor Weihnachten und noch immer mag für mich keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen. Alle Geschenke sind bereits verpackt, Besuche geplant und die Weihnachtsplätzchen liegen duftend, noch warm im Ofen.

Der Schnee lässt dieses Jahr auf sich warten, doch der Wind pfeift kalt durch die Straßen und das kleine Feuer im Kamin flackert auf, wärmt den Raum und lässt alles in seinem warmen Licht gemütlich wirken.

Wenn ich aus dem Fenster sehe, schaue ich in die leere Straße, während hinter mir die Kinder vor Vorfreude toben. Sie singen und tanzen. Ihre Augen glitzern und die Freude breitet sich im ganzen Haus aus. Sie berührt jeden, diese unberührte kindliche Freude, nur mein Herz erreicht sie nicht.

Die Oma klatscht den Kindern Beifall, der Opa schürt lauthals lachend das Feuer im Kamin. Der Vater stellt den Tannenbaum auf, summt weihnachtliche Melodien.

Und ich, ich schaue weiter aus dem Fenster in die leere Straße hinein. In diesem Jahr findet mich die besinnliche Stimmung einfach nicht, vielleicht will sie mich in diesem Jahr nicht finden, wer weiß das schon.

Ein Jahr voller Turbolenzen liegt hinter mir, hinter uns allen. Wie machen sie das alle bloß, dieses Abschalten, dieses Ausblenden? Mein Herz fühlt sich zerrüttet an, weiß nicht vor und nicht zurück. Ich scheine festzustecken und möchte doch nichts mehr, als die Freude und die Momente der Besinnung mit ihnen teilen. Mit einem erschöpften Seufzer wende ich mich vom Fenster ab, hole die Plätzchen aus dem Ofen und drapiere sie auf einem Weihnachtsteller, der bereits gefüllt ist mit anderen weihnachtlichen Leckereien. Ich stelle den Teller mittig auf den großen Esstisch und schenke jedem eine warme Tasse fruchtig duftenden Tee ein.

„Mami, Mami!“, ruft mein kleines Mädchen. „Sie doch, Mami! Nun schau doch, es schneit!“

„Ach“, sage ich, „es schneit nicht, es ist doch bloß der Regen, der vom Himmel fällt. Dieses Jahr werden wir wohl keine weiße Weihnacht feiern können.“ Ja, keine weiße Weihnacht, kein richtiges Fest, vielleicht ist es der Schnee, der fehlt, denke ich.

„Nun sieh doch, Mami!“, ruft nun auch mein kleiner Junge mir zu. Was soll's, denke ich und schaue zum Fenster. Ich brauche einen Moment, bis ich begreife, dass tatsächlich kleine Schneeflocken vom Himmel fallen. Die Kinder nehmen mich an die Hand, ziehen mich näher ans Fenster. Sie drücken ihre Nasen fest gegen die Scheibe und mit ihrem Lächeln kehrt ein warmes, wohliges Gefühl in meinem Herzen ein. Die Schneeflocken werden dicker, größer und legen sich immer dichter auf die Straßen, Wiesen und Dächer.

Aus dem Wohnzimmer klingen leise Melodien, und die Wärme des Kamins zieht durch das ganze Haus. Der zimtig würzige Weihnachtsduft zieht durch meine Nase, ich atme ihn tief ein und spüre die Hand meines Mannes auf meiner Schulter. „Siehst du, mein Liebling! Man darf nie die Hoffnung aufgeben.“ Er lächelt mir liebevoll zu und mir wird klar, dass sie es alle wussten. Sie wussten, es würde schneien, sie haben nie daran gezweifelt, auch in diesem Jahr ein weißes Weihnachtsfest feiern zu können.

Mir wird klar, dass ich es zulasse, dass die Hoffnung so manches Mal aus meinem Herzen schwindet, doch ist sie nie wirklich weg, denn das Glitzern der Kinderaugen, die zärtlichen Blicke meines Mannes und die Freude der Alten setzen immer wieder neue Hoffnungsfunken in mein Herz.

Sie haben es gewusst, dass auch ich in diesem Jahr wieder mein Herz an das Weihnachtsfest verlieren würde. Sie haben gewusst, dass wir auch in diesem Jahr alle gemeinsam die Geborgenheit, Liebe und Zuneigung füreinander teilen würden.

 

ⒸText by Lisa Katharina Bechter

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